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Matthäuspassion - Einführung PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Andrea Schwager   
Montag, 01. Februar 2010 um 22:58 Uhr

„Das gehet meiner Seele nah…“

Seit April 1723 wirkte Johann Sebastian Bach, nach seinem „weltlichen“ Amt in Köthen als Kirchenmusiker in Leipzig, er war dort für die musikalische Gestaltung der Gottesdienste an der Thomas- und der Nikolaikirche verantwortlich. Zu seinen Aufgaben gehörte damit auch die Aufführung und/oder Neukomposition einer oratorischen Passion.

Dabei werden die erzählenden Texte vom Solotenor gesungen („Evangelist") Wörtliche Rede wird besonderen Solostimmen zugeteilt, Personengruppen werden vom Chor übernommen (die Jünger, die Kriegsknechte, das Volk, die Ältesten des Volks).

Bereits am Karfreitag 1724 führte Bach seine erste Passion auf: die ebenfalls berühmte Johannes-Passion. In den folgenden Jahren vertonte Bach den Passionsbericht aller vier Evangelisten: 1727 entstand die Matthäus-Passion, 1730 die Lukas-Passion, 1731 die heute verschollene Markus-Passion. Bach führte seine Passionen in mehreren Jahren auf, wobei er die jeweiligen Aufführungsbedingungen in der Thomaskirche mit einbezog, indem er z.B. die Instrumentierung veränderte. Auch kompositorische Verbesserungen finden sich in den verschiedenen Fassungen.

Die Matthäus-Passion unterscheidet sich durch ihre Anlage, Besetzung und ihre gesamte Konzeption von allen anderen Passionen.

Während sich in den anderen Passionen viele Übernahmen aus älteren Stücken finden, besteht die Matthäus-Passion durchweg aus Originalkompositionen. Als einzigen wesentlichen Eingriff ersetzte Bach für die Aufführung 1736 den schlichten Schlusschoral des ersten Teils durch die große Choralbearbeitung „O Mensch, bewein dein Sünde groß“ aus einer früheren Fassung der Johannes-Passion.

Die insgesamt doppelchörige Anlage mit der Hinzufügung einer cantus firmus-Melodie für den Eingangschor ist in Bachs Schaffen einzigartig.

Der Matthäus-Passion liegt neben dem Bibeltext ein einheitliches Libretto zugrunde. Mit dem Textdichter Christian Friedrich Henrici (genannt Picander) arbeitete Bach seit 1725 zusammen, vermutlich hat Bach in seiner textlichen Gestaltung auf ihn Einfluss genommen. Außerdem hat man nachgewiesen, dass der Dichter einige theologische Schriften aus Bachs Buchbestand genutzt und viele Metaphern übernommen hat.

So wird die Erzählung des Bibeltextes durch den Einschub madrigalischer Texte, die die Reflexion des Einzelnen bedeuten, unterbrochen.

Eine andere textliche Ebene bilden die Choräle, die Bach wohl selbst ausgesucht hat. Sie wurden zur Zeit Bachs von der Gemeinde gesungen, die somit in die Handlung integriert wurde und direkt auf das Erzählte antwortete. Von den Chorälen bilden die Dichtungen von Paul Gerhardt den größten Beitrag. In der Matthäus-Passion gibt es insgesamt 16 Liedstrophen. Um den Zusammenhalt des Werkes zu fördern, verwendet Bach häufig melodiegleiche Choräle, allein fünfmal erklingt die Choralmelodie „Herzlich tut mich verlangen“.

Was die Matthäus-Passion von allen anderen Werken Bachs absetzt, ist ihr Formenreichtum.

Bach verwendet in ihr den gesamten Formenkatalog der damaligen zeitgenössischen weltlichen und sakralen Musik. So ist die große Choralbearbeitung ebenso vertreten wie Volkschöre in polyphoner Ausarbeitung und das opernhafte Rezitativ. Die formale Ausarbeitung der Arien und Accompagnato-Rezitative ist dabei von ungeheurer Vielgestaltigkeit. Besonders bemerkenswert ist dabei auch der Einsatz des Chores innerhalb einzelner Arien: Steht er zum einen im direkten Dialog mit der Stimme des Einzelnen (Nr. 60: „bleibet“- „wo?“ – „in Jesu Armen“), deklamiert er an anderer Stelle einen Choral (Nr. 19 „O Schmerz, hier zittert das gequälte Herz“ – „Was ist die Ursach aller solcher Plagen?“) oder kommentiert (Nr. 30 „Ach, nun ist mein Jesus hin“ – „wo ist denn dein Freund hingegangen?“).

Dazu kommt, dass Bach besonders in den Arien eine durchweg farbige Instrumentierung verwendet. Bei aller Abwechslung der Besetzung finden sich doch auch inhaltliche Bezüge: So sind sowohl die „Erbarme dich“- Arie (nach dem Verrat des Petrus) als auch „Gebt mir meinen Jesum wieder“ (nach dem Versuch des Judas, den Lohn für den Verrat Jesu zurückzugeben) über einem Violin-Solo komponiert.

Im Jahre 1736 schrieb Bach die gesamte Partitur noch einmal sorgfältig ab, wobei er den Bibeltext mit roter Tinte absetzte. Es handelt sich dabei um einen der saubersten Autographen, die wir von Bach besitzen. Auch in seinem letzten Lebensjahrzehnt beschäftigte sich der Komponist noch mit der Partitur. Bach muss dieses Werk sehr wichtig gewesen sein, wahrscheinlich sah er es ähnlich wie die H-Moll-Messe oder Die Kunst der Fuge als ein Vermächtnis.

Zu Bachs Zeiten konnte sich die Matthäus-Passion nicht durchsetzen. Sie war zu lang, zu theatralisch und zu aufwendig in ihrer Besetzung. Den Weg in die breite Öffentlichkeit fand das Werk erst 1829, als es stark gekürzt und in einer veränderten Instrumentierung von der Berliner Singakademie unter Leitung des erst zwanzigjährigen Felix Mendelssohn Bartholdy wiederaufgeführt wurde. Dieses Konzert ist von besonderer musikgeschichtlicher Bedeutung, weil es nicht nur die Matthäus-Passion wiederentdeckte, sondern eine allgemeine Bach-Renaissance einläutete.

Was spricht uns, fast ein Vierteljahrtausend nach seiner Entstehung, noch immer an diesem Stück an?

Es sind die „kleinen Momente“, die emotional berühren:

  • die Christus-Worte, begleitet durch den vielzitierten „Heiligenschein“ der Streicher
  • die Choral-Antwort der „Gemeinde“: „Ich bin`s, ich sollte büßen“ nach dem Stottern der Jünger „Herr, bin ich`s?“ nach Jesu Ankündigung, dass ihn einer verraten werde.
  • der monumentale Choreinsatz „Sind Blitze, sind Donner“ nach dem Trauergesang „So ist mein Jesus nun gefangen“
  • die „Erbarme dich“-Arie nach der bitteren Selbsterkenntnis des Petrus
  • der brutal-einmütige Choreinsatz „Barrabam“ auf die Frage des Pilatus
  • die Arie „Aus Liebe will mein Heiland sterben“, die schon durch ihre Besetzung (Sopran, Flöte und Oboen, ohne Orgel!) die Unschuld des Gottessohnes versinnbildlicht
  • die Sterbeszene Jesu mit dem Choral „Wenn ich einmal soll scheiden“ und der anschließenden Inszenierung des Erdbebens durch Evangelist und Continuo

Der Eingangssatz ist in jeder Beziehung außergewöhnlich. Er wirkt wie ein Trauermarsch der Gläubigen, die zum Berg Zion hinaufziehen. Dieses Bild erscheint mit dem Erklingen des lutherischen Chorals „O Lamm Gottes“ in anderem Licht. Hier verbindet sich das Passionsgeschehen mit der Bitte um Erbarmen zu einer Zusammenfassung des gesamten ausladenden Werkes.

In seiner Monumentalität, ihrem gewaltigen Ausmaß, ihrem Formenreichtum wird uns die Matthäus-Passion immer beeindrucken. Als „bedeutendstes Werk der abendländischen Kirchenmusik“ (A. Schweitzer) spiegelt sie die musikalische und stilistische Welt des Johann Sebastian Bach und gleichzeitig die barocke Frömmigkeit der Zeit in unnachahmlicher Weise wider.

 Andrea Schwager

Zuletzt aktualisiert am Montag, 01. Februar 2010 um 23:09 Uhr